Nutzer haben digg weltbekannt gemacht. Und die Nutzer sind es, durch die digg seit einigen Tagen kurz vor dem wirtschaftlichen Aus steht. Denn Digg ist ein Artikelbewertungsdienst für alles, was die Nutzer im Internet finden. Die Artikel werden verlinkt und dann Diggs für die besten Artikel vergeben. Das war eine Rieseninnovation in der durch Berufsjournalisten geprägten Medienwelt - und ein geniales Werkzeug, um zwischen der winzigen Auswahl einer Redaktion und den Unmengen von Artikeln in den weltweiten Blogs zu moderieren. Digg hat eine völlig neue Form der Nutzerbeteiligung erfunden und ist damit zum Symbol eines neuen Internet geworden. digg ist neben wikipedia oder myspace ein Grund dafür, dass die Leute plötzlich vom web2.0, dem Mitmacht-Internet oder den neuen Communities sprechen.
Und jetzt sind es die Nutzer, die digg den härtesten Kampf seiner Geschichte eingebrockt haben. Es geht um einen Artikel mit einem Code, der zum knacken von Kopierschutzmechanismen des HD DVD-Formats genutzt werden kann. Der stand plötzlich auf digg und wurde zielsicher nach oben gevotet. Der Artikel ist illegal - und nach amerikanischem Gesetz auch der Link darauf. Prompt standen die Leute von AACS, die für das Copyright von HD DVDs zuständig sind, auf der Matte und verlangten unter Klageandrohung die Entfernung des Artikelverweises. Der Digg-Gründer schreibt:
We had to decide whether to remove stories containing a single code based on a cease and desist declaration. We had to make a call, and in our desire to avoid a scenario where Digg would be interrupted or shut down, we decided to comply and remove the stories with the code.
Der Link wurde entfernt, die erste Zensur in der Geschichte von Digg, - und von den Nutzern prompt wieder eingespeist. Abermals entfernt - und wieder ersetzt. In wenigen Stunden entwickelte die Sache eine enorme Eigendynamik, wurde zur Demonstration für die Freiheit des digg-Nutzers gegenüber den Großkonzernen. Hunderte Links wurden eingspeist und durch tausende Stimmen nach oben gewählt. Forbes schreibt dazu:
Because Digg gives users the ability to rate news stories, pushing their favorites to the site’s most visible positions, thousands voted to bring links to the top of the site with titles like “Revolt at Digg?” and “Digg Punched me in the Face for Posting This.” By midnight, the site’s entire homepage was covered with links to the HD-DVD code or anti-Digg references.
Digg konnte da wenig entgegensetzen: Wie soll eine Seite, die nur eine Oberfläche für die Inhalte der Nutzer bereitstellt, mit Zensur umgehen? Wie lässt sich der Kontrollverlust auffangen, der entsteht, wenn man seinen Nutzern die Freiheit gibt, sich zu äußern? Und ist es überhaupt noch möglich, den Nutzern diese Option zu verweigern?
Um diese Fragen geht es eigentlich, wenn man über den Skandal bei digg.com schreibt. Denn das Risiko betrifft die gesamte erste Liga der neuen Internetfirmen. Die rasante Evolution scheint einen heiklen Nachteil zu haben: Es gibt kaum noch Erfahrungswerte. Studivz wurde acht Monate nach der Gründung für 84 Millionen Euro an Holzbrink verkauft, das entspricht etwa 60 Euro pro angemeldetem Nutzer. Kurz nach dem Deal wurden eklatante Mängel der Datensicherheit deutlich und nur das enorme Kapital und das studentische Flair der Unternehmung verhinderte Schlimmeres. Für Youtube zahlte Google irrwitzige 1,6 Milliarden Euro und hat seitdem mit Urheberrechtsklagen zu kämpfen, weil die Nutzer in Massen kopiergeschütztes Material hochladen. ausreichend großer Gewinn bei beiden Portalen: Bisher nicht in Sicht. Erinnert uns das an etwas? Eine amerikanische Zeitung titelte kürzlich in der Anlehnung an die geplatzte NewEconomy-Blase Bubble2.0. Aber das nur am Rande.
Denn jenseits der wirtschaftlichen Risiken geht es hier um eine Verhandlung gesellschaftlicher Grundsätze: Es geht um die Freiheit der Einzelnen im Kollektiv. Das Internet ist die letzten Jahre zum Symbol für kommunitäres Handeln geworden, steht gleichermaßen für eine Revolution des organisierten Laienwissens, wie für die Wiedergeburt der Gemeinschaft mitten aus den individualistisch-hedonistischen 90er-Jahren heraus.
Es geht um das alte Problem des Leviathan von Hobbes: Wieviel Freiheit muss jeder Einzelne abgeben, damit das Gesamtsystem die Sicherheit aller garantiert? Der Mensch sei der Wolf des Menschen, meinte Hobbes, wenn er nicht klar in seine Grenzen gewiesen werde. So funktioniert der klassische Nationalstaat. Spätestens die 68er rückten das Bild zurecht und postulierten die Rückkehr der Macht ins Volk, die Rückbesinnung zur Selbstbestimmung und die Fähigkeit des Menschen zum Guten. An dieser Frage hängt jede Diskussion, die sich mit dem strukturellen Rahmen von Gemeinschaft beschäftigt - ob es da jetzt um Grenzen der Nutzerfreiheit auf digg.com geht, um Einschränkungen der Pressefreiheit für die Bildzeitung oder um die rechtliche Verbindlichkeit von Bürgerentscheiden. Allem Hype zum Trotz: Das Kollektiv scheint nicht an sich reflektiert, überlegt oder moralisch zu sein. Sonst wäre die NZZ das, was die Bild heute ist, und arte würde sich mit 3Sat die Quoten teilen, statt bei Kommaprozenten rumzuschwimmen und kopierten amerikanischen Trashformaten die Quote zu überlassen. Eine müßige Debatte nach der kritischen Theorie und Luhmann. Das ist nicht neu.
Was aber neu ist, ist das Medium. Das Internet ist nur ein neues Transportmittel für Information. Allerdings eines, das sich durch seine Unkontrollierbarkeit auszeichnet: Start-Up und Marktführerschaft liegen, wenn es gut läuft, einige Monate auseinander. Nationale Grenzen sind - mit Ausnahme der chinesischen - völlig irrelevant. Es gibt, um auf Hobbes zurückzukommen, keinen Leviathan mehr, der das Kollektiv organisieren könnte. Die Technik ist geographisch viel weitreichender, als der rechtliche Rahmen es auffangen kann, entwickelt sich schneller als die Aufsichtsbehörden gucken können, ist so zugangsoffen, dass eine Idee noch nicht mal Kapital braucht, um groß rauszukommen und erreicht potenzial Abermillionen Rezipienten, ohne einen Pfennig für Werbung auszugeben. Wird eine Idee zur Institution, so wie Napster, dann wird sie fassbar und kann gemaßregelt werden. Die Institution, nicht aber die Idee: Heute wird mehr illegale Musik getauscht als jemals zuvor, nach dem Umsatzeinbruch der Musikindustrie geht es jetzt der Filmindustrie an den Kragen und ein Ende der nutzergemachten Revolution ist nicht abzusehen, weil jeder Nutzer der potenzielle Gründer einer neuen Tauschbörse ist. Jede Idee muss nur einmal bekannt geworden sein, um sich als unlöschbare digitale Vorlage in die Geschichte des Internet einzuritzen. Wenn digg stirbt, wird es ein neues digg geben.
Das ist das eigentlich Neue an dem Skandal um digg: Das Internet schafft einerseits Gemeinschaften, deren Nutzer sich nicht mehr kontrollieren lassen und die auch nicht gewillt sind, sich selbst einem Kodex anzupassen, den sie für falsch halten. Internetgemeinschaften sind riskant, weil nur die Art der implementierten Funktionen das Nutzerkollektiv begrenzen kann. Und zweitens liegt es im Wesen des Internet, dass Ideen weitergeführt werden, selbst wenn sie ökonomisch unsinnig, rechtlich illegal und anderswo gescheitert sind. Ein Unternehmer kann sich den neuen Ideen weder widersetzen, noch kann er sie steuern. Und darin liegt eine Wichtige Implikation des web2.0-Zeitalters. Der Gründer von digg kapitulierte vor einigen Tagen und schrieb in seinem Blog:
But now, after seeing hundreds of stories and reading thousands of comments, you’ve made it clear. You’d rather see Digg go down fighting than bow down to a bigger company. We hear you, and effective immediately we won’t delete stories or comments containing the code and will deal with whatever the consequences might be.
If we lose, then what the hell, at least we died trying.
Bei Digg schlagen die Flammen hoch, aber der Anlass hat sich längst verselbstständigt. Die Veröffentlichung des Codes ist - nocheinmal mehr durch den großen Wirbel um Digg - ins Mark des Internet eingebrannt: bootsektorblog berichtet von über einer halben Million Seiten, die den Code bereits veröffentlicht haben. Und seit kurzem gibt auch schon T-Shirts mit dem Code (interpretiert als Farben nach dem hexadezimalen Farbauswahlsystem). Man kann dem Internet keinen Druck machen. Das ist ärgerlich für viele und gleichzeitig vermutlich eine der echten Revolutionen, die das Netz vor allen anderen Medien auszeichnet.
Bewahren und verbreiten:
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